09.06.2020   |   News

KVD Service goes live digital - erstmals in virtueller Umgebung

Auch in Zeiten von Corona lebt das beliebte "Service goes live"-Format des KVD weiter: Jetzt trafen sich rund 35 KVD-Mitglieder im virtuellen Raum, um sich zu aktuellen Themen auszutauschen. Gastgeber war Gießerei-Spezialist ABP Induction aus Dortmund, der derzeit eine große Digitalisierungsstrategie umsetzt und so in seinen ABP Virtual Classroom einlud. Neben Vorträgen von ABP gab es eine Interview-Session mit Trendbeobachter Mathias Haas und einen Vortrag von IBM-Blockchain-Expertin Neele Franke.

KVD Geschäftsführer Markus Schröder begrüßte die KVD-Mitglieder gemeinsam mit ABP-President Till Schreiter und ABP-Serviceexperte Markus Fournell. "Eigentlich haben wir ja nur nach einem Ersatz für unser Live-Format gesucht, ich glaube aber, dass das ein ganz eigenes Format wird", erklärt Markus Schröder seinen Eindruck vom virtuellen Raun. "'Hier kann man neue Themen spielen, neue Akzente setzen als Zusatzangebot für unsere Mitglieder." Till Schreiter stimmte zu und ging auch noch einmal auf das Nebeneinander von Live- und virtuellen Formaten ein: "Gut, die Anfahrt ist kürzer, die Facility ist einfacher sauber zu halten, aber das soll die reale Welt nicht ersetzen, sondern ergänzen - und zwar dort, wo es Sinn macht."

Den Sinn der Digitalisierung hat ABP Induction erkannt. Till Schreiter sieht in der Lösung auch einen Wettbewerbsvorteil - weil andere Unternehmen noch nicht so weit sind: "Im Mittelstand ist man noch nicht so bereit für die Digitalisierung, weil diese in vielen Unternehmen doch sehr mechanisch geprägt ist. Aber das ist ein großes Risiko und wird auch dazu führen, dass heutige Marktführer morgen keine mehr sind." Absatzmärkte veränderten sich durch Energiepreise, Elektromobilität und globale Konkurrenz, die Preisdruck erzeugt. Wenn man Wettbewerbsfähigkeit erhalten wolle, müsse dafür das Geschäftsmodell überdacht werden. "Dazu gehört auch, dass unsere Produkte so ausgereift sind, dass wir kaum noch Leistungssteigerungen erzeugen können. Unsere Antwort ist hier: Digitialiserung."

ABP hat neben dem Anlagenbau früh auf den Service gesetzt: "Service ist eine wichtige Einheit bei uns: Der Anteil liegt bei fast 50 Prozent und damit weit über den üblichen 20 Prozent, wie man es aus dem Maschinenbau kennt." Die ABP Digitalstrategie sieht so aus: Die digitalen Lösungen sind offen und der Kunde hat die Datenhoheit; sein Kundennutzen ist auch deutlich erkennbar. Dazu kommt, dass ein digitales Geschäftsmodell als eigenständig angesehen wird. Die digitale Transformation ist global. "Unser Verständnis ist, dass digitale Transformation nicht dazu dient, das bestehende Geschäftsmodell abzusichern, sondern es bedeutet, ein neues Geschäftsmodell zu entwickeln, das auf den Stärken von ABP aufbaut. Das Servicegeschäft wird auf drei Ebenen digitalisiert. Es geht um digitale Serviceprodukte, Partnerschaften und digitale Marketingkanäle", sagte Till Schreiter der durchaus Gedankenspiele zuließ, dass ABP irgendwann keine Maschinen mehr herstellen könnte: "Entscheidend ist, zu erkennen, dass man zum Beispiel nicht mehr der klassische Maschinenbauer ist. Man muss loslassen, sonst fängt man nicht an." Der Nutzen sei ein Erfolgsfaktor, den man im Blick haben müsse.

Zurück zu myABP.com: Kunden profitieren von weniger ungeplanten und geplanten Downtimes, zudem sind alle wichtigen Informationen auf myABP verfügbar, und durch bessere Trainings werden Reparaturdauer und Energieverbrauch reduziert. ABP selbst profitiert natürlich auch - über eine intensivere Kundenbindung durch mehr Präsenz beim Kunden, einen kontinuierlichen Cashflow und das Sammeln von Erfahrungen in der digitalen Transformation.

Im Grundsatz erschließt ABP weitere Einnahmequellen und erhöht die Akzeptanz von myABP beim Kunden. "Deswegen gibt es auch White-Label-Lösungen, entweder unter dem Begriff MyGlobalFoundry oder über ein eigenes Label eines Drittkunden", sagte der ABP-President. "Das Potenzial von White Label führt dazu, dass wir auch andere Branchen ansprechen können. Von der Gießerei strahlt das Thema aus auf Glas, Pharma und viele andere Bereiche; so meistern wir die Kür der Diversifikation durch digitale Transformation." Perspektivisch hat ABP die Produktentwicklung auf Basis digitaler Zwillinge im Blick, in 2021 Prozessoptimierungen mit KI-basierter Datenanalyse.

Das Ziel formulierte Till Schreiter in seinem Vortrag am Ende so: Man muss schnell sein in der Digitalisierung, und nicht alles allein lösen wollen, sondern mit Partnern. Es sei wichtig, dass man über die Themen spricht: Digitale Marketingkanäle seien dabei ein wesentliches Tool. "Es gibt sicher Unternehmen, die hoffen, einfach eine Software kaufen zu können, um ihre Probleme zu lösen. Es ist aber wichtig, die Identität mit einzubeziehen." Das betreffe dann auch den Vertrieb von Services: "Der Vertrieb muss sich anpassen, er muss ein Service-Gen haben. Nicht jeder Produkt-Vertrieb kann auch Service-Verrieb leisten. Wichtig ist der Wandel von großvolumigem Produkt zu kleinvolumigen, aber dauerhaften Services." Diese benötigten ein eigenes Branding und ein sauberes Portfolio.

Wie ABP dabei ganz praktisch vorgegangen ist, erklärte anschließend Markus Fournell, Vice President global Service & Digital Products (IoT) bei ABP Induction. Er zeigte die Ausgangslage an einem Bild auf: Hier ging es um die Kluft zwischen Kunde und Dienstleister, die es zu überwinden galt. „Die Digitalisierung ist die Brücke: Wir sind näher am Kunden durch ganz verschiedene Maßnahmen – und davon profitiert der Kunde.“ So sind jetzt alle relevanten Informationen vorhanden und synchronisiert, das ermöglicht eine bessere Kalkulation laufender Kosten, das wiederum führt zu einem schnelleren und besseren Service, und letztlich zu einer höheren Produktivität. „Ein wesentlicher Vorteil ist, dass wir die Daten nicht bei uns speichern, sondern beim Kunden – das hilft enorm bei der Akzeptanz digitaler Lösungen.“

Bei der Gestaltung der Plattform habe sich schnell gezeigt, dass ABP den richtigen Weg gegangen ist, das Projekt nicht allein, sondern mit Entwicklungspartnern anzugehen. Im Laufe der Entwicklungsphase begleiteten langjährige ABP-Kunden die Arbeiten und konnten so wertvolle Praxis-Inputs liefern. „Hier haben wir festgestellt, dass die Herstellerneutralität und die Vielseitigkeit von myABP genau das ist, was der Markt offensichtlich benötigt. Es ist die Kombination aus M2M-Anbindung über die Cloud, Virtual Trainings, Augmented Reality-Unterstützung, Anlagenübersicht und zuverlässigem Service, den die Referenzkunden zu schätzen wussten. So lassen sich Predictive und Preventive Services anbieten.“

Markus Fournell lobte dabei sein Team, das beides kombiniert hat: ein traditionelles Servicegeschäft und digitale Lösungen. „Das war ein Kraftakt, beides anzuschieben, aber die Verknüpfung jetzt bringt es.“ Mit dieser Ausgangslage sei es wesentlich einfacher gewesen, auf den mitunter naturgemäß konservativen Markt zuzugehen: „Added Value und ROI wurden in den Beispielen auf Kundenseite aber schnell gesehen, wobei uns hier vor allem die Dynamik überrascht hat. Unser Service-Verkauf ist jetzt gefordert.“ Fournell spürt einen Veränderungsprozess im Unternehmen:  „Erfolge wie der Kick-off der digitalen Lösungen auf der Leitmesse GIFA 2019 schafften Begeisterung in der Belegschaft. So attraktive Umgebungen wie die Academy mit dem Virtual Classroom – das öffnet die Augen und macht sie stolz.“

Neele Franke von der IBM Deutschland GmbH ging anschließend darauf ein, dass Blockchain immer wieder Thema in unterschiedlichen Industrien ist. Sie selbst ist im Bereich Business Consulting Blockchain aktiv und beobachtet viel Bewegung zu dem Thema im Automotive-Bereich mit Blick auf Supply Chain, oder die Anlieferung von Teilen sowie die Verteilung von Autos. „Blockchain for Business“ gibt es als eigenen Bereich bei IBM seit 2017 in über 400 Einzelprojekten, mittlerweile gibt es produktionsfertige Netzwerke mit unterschiedlichen Reifegraden.

„Ich sehe da drei Einstiegspunkte: Join als ersten Step; je mehr Netzwerke existieren, umso eher muss man fragen, ob man selbst etwas Neues beginnt oder zu bestehenden Netzwerken dazukommt. Coordinate als zweiten Step; hier sollte man in den Blick nehmen, dass wenn es das, was man konzipiert hat, noch nicht gibt, man sich Partner sucht, um ein Netzwerk zu etablieren.“ Das habe allerdings viel mit organisatorischen Themen, betriebswirtschaftlichen Punkten und Rechtsthemen zu tun. Dritter Step ist aus Ihrer Sicht Build: Hier werde dann ein konkreter Anwendungsfall gebaut.

Zur Veranschaulichung hatte sie drei Best Practices mitgebracht.

Beispiel 1 - Food Trust: Das ist eine modulare Lösung auf Blockchain-Basis, bei der alle Teilnehmer von einem sichereren und nachhaltigen Lebensmittelnetzwerk profitieren. Damit bringen wir Transparenz in die gesamte Lebensmittellieferkette. „Begonnen haben wir mit Walmart, denn man  braucht einen starken Partner für die Anfangsinvestitionen, da der ROI nicht nach sechs Monaten zu erwarten ist.“ In der Folge kamen weitere Partner hinzu, Unilever und Nestlé zum Beispiel. Seit eineinhalb Jahren ist das System live, 200 Unternehmen sind heute auf dieser Plattform. 17.000 Produkte wurden über die Plattform abgewickelt, 20 Millionen Transaktionen insgesamt. Die Unternehmen setzen auf verschiedene Use Cases: Ein Beispiel für Transparenz ist die schon erwähnte Lebensmittelrückverfolgung, ein anderes Beispiel bezieht sich auf den Faktor Vertrauen. Carrefour schafft über die Blockchain-Technologie Vertrauen beim Verbraucher – das erhöht die Kundenbindung, steigert den Abverkauf von Waren.

Beispiel 2 - Think big, start small: Hier geht es um Mobility Services in einem Ökosystem. Über die Blockchain wird ein Revenue Splitting möglich. „Es ist ja nicht das Problem des Kunden, dass es verschiedene Mobilitätsanbieter gibt. Also lösen wir die Bezahlung der einzelnen beteiligten Anbieter in der Blockchain - dort werden die Umsatzanteile gesplittet.“

Beispiel 3 - Additive Manufacturing: Thyssen Krupp und IBM arbeiten hier zusammen, um den 3D-Druck voran zu bringen. Es geht dabei um die Sicherstellung von IP-Rechten in einem umfangreichen Netzwerk. „Schützenswerte Dienstleistungen und Ideen werden in dem Projekt so platziert, dass eine eindeutige Zuordnung möglich ist, wer ein bestimmtes Modell entwickelt hat, wer es nutzt und wer es druckt.“

Grundsätzlich sei Blockchain ein Teamsport, sagte Neele Franke: „Es kommt auf das Netzwerk an, damit eine Blockchain-Anwendung Erfolg haben kann. Dazu braucht es zuverlässige Partner. Wir sind da gerne das Bindeglied.“

Neben den Vorträgen fanden noch Workshops sowie ein Talk mit dem Trendbeobachter Mathias Haas statt. Sowohl die Workshops als auch der Talk befassten sich mit den aktuellen Herausforderungen in Sachen Corona. Workshop und Talk fassen wir separat zusammen.