Künstliche Intelligenz verändert nicht nur die Art, wie wir arbeiten. Sie verändert die Art, wie Organisationen funktionieren. Während frühere Technologien vor allem Prozesse beschleunigten oder Informationen verfügbar machten, greift KI direkt in wissensbasierte Tätigkeiten ein. Sie analysiert Informationen, erstellt Inhalte, entwickelt Lösungsvorschläge und unterstützt Entscheidungen. Damit wird sie zunehmend Teil der täglichen Zusammenarbeit. Gerade für Serviceorganisationen ist das von besonderer Bedeutung. Ihr Erfolg basiert auf Wissen, Kommunikation, Problemlösung und Vertrauen. Genau diese Bereiche verändern sich derzeit durch den Einsatz von KI. Damit verändert Künstliche Intelligenz jene Faktoren, die über den Erfolg von Organisationen entscheiden: wie Wissen entsteht, wie Entscheidungen getroffen werden, wie Menschen zusammenarbeiten und wie Verantwortung wahrgenommen wird.
Viele Unternehmen diskutieren über Anwendungsfälle, Effizienzpotenziale oder regulatorische Anforderungen wie den europäischen AI-Act. Diese Fragen sind wichtig. Gleichzeitig verdecken sie häufig die eigentliche Herausforderung. Die eigentliche Herausforderung von KI liegt nicht in der Technologie selbst, sondern in ihrer erfolgreichen Integration in Organisationen und Arbeitskulturen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, welche KI eingesetzt wird. Sie lautet vor allem: Wie gestalten Organisationen Zusammenarbeit, wenn intelligente Systeme zunehmend Teil dieser Zusammenarbeit werden?
Ein „Weiter so“ wird es nicht geben
Organisationen befinden sich in einer Übergangsphase, für die es kaum belastbare Vorbilder gibt. Die technologische Entwicklung schreitet rasant voran, während die Regeln erfolgreicher Mensch-KI-Zusammenarbeit erst entstehen. Hinzu kommt, dass viele Unternehmen noch experimentieren. Welche Anwendungen langfristig wirtschaftlich tragfähig sind, welche Kosten durch Rechenleistung, Lizenzen oder Integration entstehen und wo tatsächlich Mehrwert geschaffen wird, wird sich in vielen Bereichen erst in den kommenden Jahren zeigen. Die meisten Organisationen integrieren KI daher zunächst in bestehende Prozesse. Doch KI verändert nicht nur einzelne Tätigkeiten, sondern ganze Wertschöpfungslogiken. Wissen wird leichter zugänglich, Analysen entstehen in Sekunden und Informationen stehen jederzeit zur Verfügung. Wenn Wissen nicht länger knapp ist, verändern sich Rollen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungswege. Deshalb geht es nicht darum, wie KI in bestehende Organisationen passt. Die entscheidende Frage ist, wie Organisationen sich verändern müssen, um die Potenziale von KI verantwortungsvoll zu nutzen. Lange Zeit bestand eine zentrale Führungsaufgabe darin, Informationen zu bündeln, Entscheidungen vorzubereiten und Arbeit zu koordinieren. Mit KI entsteht eine neue Situation. Menschen arbeiten zunehmend mit Systemen zusammen, die Inhalte generieren, Muster erkennen, Vorschläge entwickeln oder Entscheidungen vorbereiten. Dadurch entstehen neue Fragen: Wer trägt Verantwortung für Ergebnisse? Wie werden Entscheidungen nachvollziehbar? Welche Aufgaben bleiben menschliche Kernkompetenzen? Und wie stellen Organisationen sicher, dass technologische Unterstützung menschliche Urteilskraft stärkt, statt ersetzt? Unsere Erfahrungen aus dem vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderten Forschungsprojekt „KIDD – Künstliche Intelligenz im Dienste der Diversität“ zeigen, dass die größten Herausforderungen bei der Einführung von KI selten technischer Natur sind. Sie entstehen an den Schnittstellen zwischen Menschen, Technologie und Organisation. Fragen nach Verantwortung, Transparenz, Beteiligung und Vertrauen entscheiden häufig stärker über den Erfolg als die Technologie selbst. Besonders sichtbar wird dieser Wandel in der Führung. Der Wissensvorsprung als Grundlage von Führung verliert an Bedeutung. An seine Stelle treten Orientierung, Einordnung und Gestaltung. Führungskräfte werden zu Gestalterinnen und Gestaltern von Rahmenbedingungen, in denen Menschen und KI gemeinsam erfolgreich arbeiten können.
Kultur wird zum Wettbewerbsvorteil
Technologie lässt sich kaufen. Organisationskultur nicht. Deshalb entstehen die entscheidenden Unterschiede zwischen erfolgreichen und weniger erfolgreichen Organisationen nicht durch den Zugang zu KI, sondern durch den Umgang mit ihr. Unsere Forschung zeigt: Organisationen scheitern selten an der Verfügbarkeit von KI. Sie scheitern häufiger an fehlender Beteiligung, mangelnder Transparenz oder unklaren Verantwortlichkeiten. Organisationen, die Offenheit, Lernbereitschaft und Partizipation fördern, erkennen Potenziale schneller und etablieren neue Lösungen erfolgreicher. Gerade in einer Phase, in der viele Antworten noch nicht feststehen, wird die Fähigkeit zum gemeinsamen Lernen zu einem strategischen Vorteil. Gleichzeitig gewinnt die Einbeziehung vielfältiger Perspektiven an Bedeutung. Unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen helfen, blinde Flecken, Verzerrungen und potenziell diskriminierende Ergebnisse frühzeitig zu erkennen. Diversität ist damit nicht nur eine Frage der Fairness, sondern auch ein Qualitäts- und Innovationsfaktor.
KI als Hebel für Transformation
Fachkräftemangel, demografischer Wandel, steigende Komplexität und wachsende Kundenerwartungen erhöhen den Veränderungsdruck auf Organisationen massiv. KI löst diese Herausforderungen nicht automatisch. Sie schafft jedoch die Chance, bestehende Strukturen grundlegend zu überdenken. Wer KI ausschließlich zur Effizienzsteigerung nutzt, schöpft nur einen Teil ihres Potenzials aus. Der eigentliche Mehrwert entsteht dort, wo KI zum Hebel organisationaler Transformation wird: wenn Wissen besser zugänglich ist, Zusammenarbeit neu organisiert wird und Mitarbeitende mehr Zeit für kreative, strategische und kundennahe Aufgaben gewinnen. Gleichzeitig senken KI-gestützte Übersetzungs- und Assistenzsysteme sprachliche Barrieren, erleichtern den Zugang zu Wissen und eröffnen neue Möglichkeiten, dem Fachkräftemangel und den Anforderungen vielfältiger Belegschaften zu begegnen. Menschenzentrierte KI bedeutet deshalb nicht, technologische Entwicklung zu begrenzen. Sie bedeutet, Technologie bewusst so einzusetzen, dass sie menschliche Fähigkeiten stärkt, Teilhabe ermöglicht und die letzte Entscheidung einem Menschen überlässt. Gerade in diesen Grundsätzen liegt auch eine besondere Chance für Europa. Mit dem AI Act und dem Leitbild einer vertrauenswürdigen KI entsteht ein Rahmen, der Innovation und Verantwortung miteinander verbindet. Was heute häufig nur als regulatorische Herausforderung erscheint, kann sich bald als zentraler Wettbewerbsvorteil erweisen. Denn Vertrauen wird in einer KI-geprägten Wirtschaft zu einer zentralen Ressource – für Kundinnen und Kunden, Mitarbeitende und Geschäftspartner gleichermaßen.
Fazit: Die Zukunft der Arbeit entsteht nicht durch Technologie allein. Sie entsteht dort, wo Organisationen den Mut haben, Führung, Zusammenarbeit und Kultur neu zu denken. KI liefert den Impuls. Die eigentliche Transformation bleibt eine menschliche Gestaltungsaufgabe.
Infokasten
Das Deutsche Institut für Gutes Leben (difgl) ist eine Ausgründung der Technischen Universität Berlin und verbindet Forschung, Beratung und Wissenstransfer zu der Frage, wie gutes Leben in einer zunehmend digitalen und vernetzten Zukunft gestaltet werden kann. Künstliche Intelligenz und Digitalisierung bilden dabei einen zentralen Arbeitsschwerpunkt. Das Institut unterstützt Unternehmen, öffentliche Institutionen und Verbände bei der Entwicklung und Umsetzung menschenzentrierter KI-Strategien. Schwerpunkte sind Responsible AI, KI-Governance, Organisationsentwicklung sowie die Gestaltung von Führung, Zusammenarbeit und Innovation im digitalen Wandel. Aktuelle Projekte reichen von KI-gestützten Übersetzungs- und Wissenssystemen für europäische Leitlinien im Projekt SPLEE über die Erforschung von Datenräumen und datengetriebenen Innovationsökosystemen bei DIANA-T, beide gefördert vom BMFTR, bis zur Entwicklung von Instrumenten für vertrauenswürdige KI. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Einsatz generativer KI in Kultur- und Kreativbranchen. Die Erfahrungen aus Forschung und Praxis zeigen: Der Erfolg von KI entscheidet sich selten an der Technologie selbst, sondern daran, wie Organisationen Verantwortung, Transparenz, Beteiligung und Vertrauen gestalten.
Info: www.difgl.de
/ ZUR AUTORIN
Katja Anclam, M.A. ist Medienwissenschaftlerin, KI-Expertin und Geschäftsführerin des Deutschen Instituts für Gutes Leben (difgl). Sie berät Unternehmen, öffentliche Institutionen und Verbände bei der verantwortungsvollen Einführung von Künstlicher Intelligenz und der Gestaltung von Transformationsprozessen. Als Mit-Initiatorin des vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderten Forschungsprojekts „KIDD – Künstliche Intelligenz im Dienste der Diversität“ beschäftigt sie sich mit Responsible AI, Diversität und den Auswirkungen von KI auf Organisationen, Führung und Zusammenarbeit. Vor ihrer Tätigkeit im KI-Bereich arbeitete sie viele Jahre international als TV-Produzentin und Executive Producerin in Europa, Asien und Afrika.