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Humanoide Robotik entwickelt sich vom Zukunftsbild zur realen Industrieanwendung. Neue Studien von Roland Berger, der International Federation of Robotics (IFR), T-Systems/RobCo und dem ifaa zeigen übereinstimmend: Fortschritte bei KI, Sensorik und modularen Robotersystemen treffen auf einen wachsenden Fachkräftemangel und steigende Anforderungen an Flexibilität. Besonders für den technischen Service könnte daraus ein entscheidender Entwicklungsschub entstehen – nicht als Ersatz des Menschen, sondern als neue Form der Zusammenarbeit zwischen Mensch, KI und physischer Automation.

Der technische Service galt lange als Bereich, der sich nur begrenzt automatisieren lässt. Zu unterschiedlich sind Einsatzorte, Kundenanforderungen und Situationen im Feld. Genau deshalb rückt humanoide Robotik nun stärker in den Fokus. Denn anders als klassische Industrieroboter sollen humanoide Systeme gerade dort arbeiten können, wo bislang Menschen unverzichtbar waren: in Umgebungen, die für Menschen geschaffen wurden.

Eine aktuelle Roland-Berger-Studie beschreibt diesen Moment als „Convergence Moment“ – also den Punkt, an dem technologische Reife und wirtschaftlicher Bedarf erstmals zusammenfallen. Laut der Studie könnte der Markt für humanoide Robotik bis 2035 auf bis zu 750 Milliarden US-Dollar wachsen. Als Treiber gelten vor allem KI-gestützte Wahrnehmungssysteme, sinkende Betriebskosten und der globale Arbeitskräftemangel.

Besonders spannend ist dabei die Perspektive für Serviceorganisationen. Denn die Studie zeigt klar, dass humanoide Roboter dort ihre Stärke ausspielen, wo klassische Automatisierung an Grenzen stößt: bei variantenreichen Abläufen, flexiblen Komponenten oder wechselnden Arbeitsumgebungen. Genannt werden unter anderem Wartung, Materialhandling, Logistikprozesse und komplexe Assistenzaufgaben. Genau diese Anforderungen prägen auch den technischen Service.

Die International Federation of Robotics sieht 2026 deshalb als Schlüsseljahr für die Weiterentwicklung autonomer Robotiksysteme. Besonders relevant ist der Trend hin zu KI-gesteuerter Autonomie. Die IFR beschreibt, dass Roboter zunehmend in der Lage sind, eigenständig Entscheidungen zu treffen, aus Daten zu lernen und über natürliche Sprache oder Gesten mit Menschen zu interagieren. Für den Service bedeutet das: Roboter könnten künftig nicht mehr nur fest programmierte Abläufe ausführen, sondern situationsabhängig unterstützen – etwa bei Diagnoseprozessen, Ersatzteilhandling oder standardisierten Wartungsschritten.

Gleichzeitig wird deutlich: Der eigentliche Engpass liegt nicht mehr primär in der Hardware, sondern in Daten, Software und Integration. Roland Berger spricht davon, dass die Hardware bereits weitgehend marktreif sei, während Software- und Ökosystemfragen noch mehrere Jahre hinterherhinken. Gerade im technischen Service wird deshalb die Fähigkeit entscheidend sein, Robotik sinnvoll in bestehende Prozesse, ERP-Systeme, IoT-Landschaften und Serviceplattformen einzubinden.

Wie diese Integration aussehen kann, zeigt ein Whitepaper von T-Systems und RobCo. Dort wird beschrieben, wie modulare Robotersysteme über offene Schnittstellen, digitale Zwillinge, KI-basierte Qualitätskontrolle und Cloud-Anbindung flexibel in Produktions- und Serviceprozesse integriert werden können. Besonders interessant ist dabei die Idee des „Plug-and-Play“-Roboters: Systeme, die innerhalb weniger Tage eingerichtet, per No-Code-Plattform angepasst und remote gesteuert werden können.

Gerade für Serviceorganisationen steckt darin enormes Potenzial. Denn Service benötigt vor allem Anpassungsfähigkeit. Wenn Roboter künftig nicht mehr monatelange Spezialprojekte erfordern, sondern flexibel umkonfiguriert werden können, entstehen völlig neue Einsatzfelder: mobile Assistenz in Werkstätten, automatisierte Ersatzteilbereitstellung, KI-gestützte Qualitätskontrolle oder digitale Unterstützung bei Wartungsarbeiten per Augmented Reality.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor: der Fachkräftemangel. Die IFR bezeichnet Roboter ausdrücklich als „Verbündete gegen den Fachkräftemangel“. Auch Roland Berger sieht die schrumpfende Erwerbsbevölkerung als zentralen Treiber für humanoide Robotik. Im technischen Service ist diese Entwicklung längst Realität. Viele Unternehmen kämpfen mit einer alternden Workforce, fehlenden Nachwuchskräften und steigender Belastung der vorhandenen Teams. Humanoide Robotik könnte deshalb weniger als Rationalisierungsinstrument relevant werden, sondern vielmehr als Mittel zur Stabilisierung von Servicefähigkeit.

Interessant ist allerdings auch die gesellschaftliche Perspektive. Die ifaa-Trendstudie zeigt, dass humanoide Robotik zwar als zukunftsrelevant wahrgenommen wird, im betrieblichen Alltag aber noch wenig konkret angekommen ist. 65 Prozent der Befragten messen humanoiden Robotern allgemein eine hohe oder sehr hohe Bedeutung bei, für das eigene Unternehmen tun dies allerdings nur 47 Prozent. Gleichzeitig bestehen weiterhin Vorbehalte gegenüber KI und Automatisierung – etwa Sorgen vor Kontrollverlust, Abhängigkeit von Technik oder Arbeitsplatzverlust.

Gerade deshalb dürfte die Einführung humanoider Robotik im Service weniger eine reine Technologiefrage sein als vielmehr eine Frage von Akzeptanz, Change Management und sinnvoller Rollenverteilung. Die Studien zeigen sehr deutlich: Unternehmen müssen Mitarbeitende frühzeitig einbinden, Pilotprojekte transparent gestalten und Weiterbildung aktiv fördern.

Für den technischen Service ergibt sich daraus eine spannende Perspektive. Denn kaum ein Bereich verbindet Technologie, Kundenkontakt, Flexibilität und Problemlösungskompetenz so stark wie Serviceorganisationen. Genau dort könnten humanoide Robotik und KI in den kommenden Jahren ihren größten Hebel entfalten – nicht als vollautomatische Zukunftsvision, sondern als intelligente Assistenzsysteme in einer hybriden Arbeitswelt.

Der Service könnte damit zu einem der wichtigsten Praxisfelder für die nächste Robotik-Generation werden. Nicht im abgeschotteten Labor. Sondern dort, wo Technologie jeden Tag unter realen Bedingungen funktionieren muss: beim Kunden.

Carsten Neugrodda, KVD Geschäftsführer

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