Der Fachkräftemangel ist längst im technischen Service angekommen. Erfahrene Servicetechniker gehen in den kommenden Jahren in den Ruhestand, Wissen droht verloren zu gehen und Unternehmen suchen händeringend Personal. Trotzdem konzentriert sich die öffentliche Diskussion erstaunlich stark darauf, wie wir Menschen länger im Arbeitsleben halten. Mindestens ebenso wichtig wäre eine andere Frage: Woher kommen eigentlich die Fachkräfte, die ihnen nachfolgen sollen? Zum Ausbildungsstart jetzt im September habe ich mir dazu einmal eine aktuelle Bertelsmann-Studie vorgenommen – das ist ein Weckruf, mindestens für Unternehmen mit technischem Background.
Kaum ein arbeitsmarktpolitisches Thema wird derzeit so intensiv diskutiert wie die Rente. Wie lange können und sollen Menschen arbeiten? Wie lässt sich das Rentensystem finanzieren? Wie können ältere Beschäftigte länger im Erwerbsleben gehalten werden? Dahinter steckt natürlich auch die Sorge um den Arbeitsmarkt: Mit den Babyboomern verabschiedet sich eine große Zahl erfahrener Fachkräfte.
Für den technischen Service ist das keine abstrakte demografische Debatte; hier lässt sich vielerorts ziemlich genau ausrechnen, wann welche Kompetenz das Unternehmen verlässt. Servicetechniker:innen, Instandhalter:innen, Spezialist:innen für bestimmte Maschinen, Anlagen und Technologien verfügen häufig über Wissen, das über Jahrzehnte entstanden ist. Wenn diese Menschen gehen, fehlen nicht nur Köpfe: Es fehlen Erfahrung, Problemlösungskompetenz und vielfach auch Kundenwissen.
Deshalb beschäftigen wir uns im KVD zu Recht mit Wissenstransfer, Wissensmanagement, digitalen Assistenzsystemen und KI. Gesellschaftlich müssen wir an genau dieser Stelle aber aufpassen, dass wir darüber eine viel einfachere Erkenntnis nicht vergessen: Auch das beste Wissensmanagement braucht Menschen, an die Wissen weitergegeben werden kann. Und genau hier beginnt das Problem.
Nachwuchs ist kein Thema für irgendwann
Der Fachkräftemangel wird häufig so diskutiert, als müssten wir vor allem einen vorhandenen Bestand an Fachkräften besser verteilen, länger beschäftigen oder produktiver machen. Natürlich sind Weiterbildung, Digitalisierung, Automatisierung und eine höhere Produktivität wichtige Hebel. Aber Fachkräfte entstehen nicht einfach auf dem Arbeitsmarkt: Sie müssen ausgebildet und entwickelt werden. Denken Sie einmal an Ihre eigenen Anfänge im Service zurück!
Die schon angesprochene aktuelle Studie „Aufstiege ermöglichen“ der Bertelsmann Stiftung zeigt eindrucksvoll, wie groß die Schieflage inzwischen ist. Rund 4,6 Millionen Beschäftigte zwischen 25 und 64 Jahren verfügen über keinen beziehungsweise keinen anerkannten formalen Berufsabschluss. Mehr als 1,5 Millionen von ihnen arbeiten als Helfer:innen. Gleichzeitig sind die Arbeitsmärkte für Fachkräfte wesentlich stabiler, die Beschäftigungsperspektiven besser und die Konkurrenz um offene Stellen deutlich geringer.
Besonders bemerkenswert ist eine Zahl, die in der Studie zitiert wird: Allein durch die Qualifizierung von Helfer:innen ließe sich theoretisch rund ein Drittel der Fachkräftelücke schließen. Das verändert die Perspektive; wir haben nämlich nicht ausschließlich zu wenige Menschen, sondern wir schaffen es offensichtlich nicht ausreichend, vorhandene Menschen zu qualifizieren und ihnen berufliche Aufstiege zu ermöglichen.
Es kommt zu wenig nach
Noch problematischer wird das Bild, wenn wir nicht nur auf die heutigen Beschäftigten schauen, sondern auf diejenigen, die gerade erst ins Erwerbsleben starten sollten. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes, über die das Handelsblatt berichtet, war 2025 jeder zehnte Mensch zwischen 20 und 24 Jahren in Deutschland weder erwerbstätig noch in Ausbildung. 2022 hatte dieser Anteil noch bei 8,8 Prozent gelegen. International wird diese Gruppe als NEETs bezeichnet – „Not in Employment, Education or Training“.
Natürlich wäre es viel zu einfach und auch unfair, daraus eine Erzählung von einer angeblich arbeitsunwilligen Generation zu machen. Denn es gibt Gründe, und die sind unterschiedlich: Der Bildungsbericht nennt unter anderem Betreuungspflichten und gesundheitliche Einschränkungen; andere junge Menschen suchen eine Ausbildung oder warten auf einen Ausbildungs- beziehungsweise Studienplatz.
Aber die volkswirtschaftliche Dimension bleibt dieselbe: Wir beklagen einen zunehmenden Fachkräftemangel und schaffen es gleichzeitig bei einem erheblichen Teil der jungen Generation nicht, einen erfolgreichen Übergang von Schule in Ausbildung und Beruf zu organisieren. Das passt für mich nicht zusammen.
Fachkräftesicherung beginnt in der Schule
Deshalb gehört für mich zur Diskussion über Fachkräftesicherung zwingend auch eine Diskussion über Schule und Berufsorientierung. Gerade technische Berufe haben hier ein Vermittlungsproblem. Wer als Schüler:in keinen persönlichen Bezug zu Industrie, Handwerk oder technischem Service hat, bekommt häufig nur eine sehr abstrakte Vorstellung davon, was sich hinter diesen Berufsbildern verbirgt.
Dabei hat sich der technische Service fundamental verändert. Der Servicetechniker von heute arbeitet nicht nur mit Schraubenschlüssel und Werkzeugkoffer. Er arbeitet mit Software, mobilen Assistenzsystemen, Maschinendaten, Remote Services, Augmented Reality und zunehmend KI. Er analysiert Fehler, kommuniziert mit Kunden, trifft Entscheidungen vor Ort und übernimmt erhebliche Verantwortung für die Verfügbarkeit komplexer Anlagen.
Eigentlich ist das ein hochattraktives Berufsbild für junge Menschen, die Technik mögen, Probleme lösen wollen und nicht jeden Tag acht Stunden am selben Schreibtisch verbringen möchten. Unternehmen dürfen aber nicht darauf warten, dass die Berufsorientierung ihnen fertig interessierte Bewerber:innen liefert. Wer Nachwuchs für technische Berufe gewinnen möchte, muss früher sichtbar werden: in Schulen, bei Praktika, durch Kooperationen, Ausbildungsmessen, Technikprojekte und vor allem durch Begegnungen mit den Menschen, die diese Berufe tatsächlich ausüben.
Ein authentischer junger Servicetechniker, der Schüler:innen seinen Arbeitsalltag zeigt, dürfte für die Nachwuchsgewinnung häufig wertvoller sein als die nächste Hochglanzbroschüre der Personalabteilung.
Ausbildung darf nicht die kleine Schwester des Studiums sein
Hinzu kommt ein kulturelles Problem; über viele Jahre entstand der Eindruck, der Königsweg nach der Schule müsse möglichst über Abitur und Studium führen. Berufliche Ausbildung wurde zwar regelmäßig als wichtig bezeichnet, gesellschaftlich aber häufig anders behandelt.
Klar ist für mich: Wir brauchen Ingenieur:innen, Data Scientists und Softwareentwickler:innen. Wir brauchen aber genauso dringend Menschen, die Anlagen installieren, warten, diagnostizieren und reparieren können – und die technisches Verständnis mit Kundenorientierung verbinden.
Die Bertelsmann-Studie zeigt außerdem, wie wertvoll ein Berufsabschluss für die Beschäftigungsperspektive ist. Menschen ohne formalen Berufsabschluss hatten 2025 eine Arbeitslosenquote von 21,3 Prozent. Bei Menschen mit Berufsausbildung waren es lediglich 3,5 Prozent.
Ausbildung ist deshalb nicht nur Nachwuchssicherung für Unternehmen, sondern eben auch ein ziemlich wirksames Instrument gesellschaftlicher Teilhabe.
Wir müssen auch diejenigen entwickeln, die schon da sind
Allerdings wäre es ebenso falsch, Fachkräftesicherung ausschließlich mit Erstausbildung gleichzusetzen. Genau hier liefert die Bertelsmann-Studie einen interessanten zweiten Ansatz.
Nicht jeder muss noch einmal eine komplette dreijährige Ausbildung absolvieren. Entscheidend ist vielmehr die Frage: Welche Kompetenzen sind bereits vorhanden – und welche fehlen für den Schritt auf Fachkraftniveau?
Die Studie untersucht dafür konkrete Übergänge von Helfer- zu Fachkrafttätigkeiten. In manchen Berufsfeldern reichen gezielte Teilqualifikationen, in anderen ist eine umfassendere Ausbildung oder Umschulung notwendig. Der entscheidende Gedanke dahinter ist aber übertragbar: Wir sollten Menschen nicht danach sortieren, welchen Abschluss sie irgendwann einmal erworben haben, sondern stärker danach fragen, was sie bereits können und was sie zusätzlich lernen müssen.
Für Serviceorganisationen ist das hochinteressant. Vielleicht steckt die nächste Fachkraft bereits im eigenen Unternehmen – im Lager, in der Produktion, in einer unterstützenden technischen Tätigkeit oder in einem anderen Bereich. Dann ist Recruiting nicht die einzige Antwort auf den Fachkräftemangel – Qualifizierung wird selbst zum Recruiting-Instrument.
Wir sollten die Diskussion über den Fachkräftemangel deswegen gelegentlich umdrehen; also nicht nur: Wie halten wir die Fachkräfte von heute länger im Unternehmen? – sondern genauso: Was tun wir heute dafür, dass es morgen überhaupt noch Fachkräfte gibt? Denn über die Rente der Babyboomer zu diskutieren ist wichtig. Über diejenigen, die ihre Arbeit einmal übernehmen sollen, mindestens genauso.
Carsten Neugrodda, KVD Geschäftsführer