Mit dem Regierungsentwurf zur Umsetzung der EU-Richtlinie zum „Recht auf Reparatur“ rückt ein Thema ins Zentrum, das für Service-Organisationen seit Jahren an Bedeutung gewinnt: der Produktlebenszyklus endet nicht mehr mit dem Verkauf. Stattdessen wird Reparatur systematisch gestärkt – rechtlich, wirtschaftlich und kulturell. Für technische Dienstleister ist das mehr als eine regulatorische Anpassung. Es ist eine Einladung, Service neu zu denken – das werden wir im KVD entsprechend aufnehmen und gestalten.
Den vorliegenden Regierungsentwurf habe ich mir genau angesehen, und festgestellt, dass er ein klares Ziel verfolgt, das wir im KVD auch schon seit einigen Jahren im Rahmen unserer konzeptionellen Arbeit zu den vier Säulen der Dienstleistungswende diskutieren: Produkte sollen länger genutzt werden, Reparatur soll zur bevorzugten Option werden und der vorzeitige Austausch funktionstüchtiger Waren soll reduziert werden. Damit ist das „Recht auf Reparatur“ eng mit den übergeordneten Zielen der Kreislaufwirtschaft und nachhaltiger Konsummuster verknüpft. Gleichzeitig setzt die Richtlinie auf einen vollharmonisierten europäischen Rahmen – nationale Spielräume sind begrenzt. Für Unternehmen bedeutet das: Die Regeln gelten künftig einheitlich und verbindlich im gesamten EU-Markt.
Mehr Reparatur, weniger Wegwerfmentalität
Ein zentraler Ansatzpunkt liegt aus meiner Sicht im klassischen Gewährleistungsrecht. Verbraucher werden künftig stärker in Richtung Reparatur gelenkt, indem diese Option attraktiver ausgestaltet wird. Besonders relevant ist die Verlängerung der Gewährleistungsfrist um zwölf Monate, wenn eine Reparatur durchgeführt wird. Flankiert wird dies durch eine Informationspflicht: Händler müssen ihre Kunden aktiv auf das Wahlrecht zwischen Ersatz und Reparatur sowie auf die Vorteile der Reparatur hinweisen. Damit wird die Reparatur nicht nur ermöglicht, sondern aktiv gefördert.
Noch tiefgreifender ist jedoch die Einführung einer Reparaturverpflichtung für Hersteller bestimmter Produktgruppen – und zwar auch außerhalb der Gewährleistung. Für Produkte wie Haushaltsgeräte, Smartphones oder Displays entsteht damit ein neuer Standard: Verbraucher können künftig verlangen, dass Hersteller ihre Produkte reparieren – zu einem angemessenen Preis oder sogar unentgeltlich. Gleichzeitig werden Hersteller verpflichtet, Ersatzteile und Werkzeuge bereitzustellen und dürfen Reparaturen durch unabhängige Anbieter nicht behindern. Das ist ein klarer Schritt hin zu einem offeneren, serviceorientierten Markt.
Transparenz ist gefragt
Ergänzt wird dieser Ansatz durch neue Transparenzanforderungen. Hersteller müssen Informationen zu Reparaturmöglichkeiten bereitstellen und Richtpreise für typische Reparaturen veröffentlichen. Für Verbraucher entsteht so eine deutlich bessere Entscheidungsgrundlage. Mit dem europäischen Reparaturformular kommt zudem ein Instrument hinzu, das Angebote vergleichbar macht und die Hürden für Reparaturentscheidungen weiter senkt. Perspektivisch wird eine europäische Plattform den Zugang zu Reparaturdiensten zusätzlich erleichtern.
Was bedeutet das nun für technische Dienstleister? Aus unserer Verbandssicht zunächst einmal: Service rückt endgültig ins Zentrum der Wertschöpfung. Die gesetzliche Stärkung der Reparatur verändert die Erwartungshaltung von Kunden – und damit auch die Anforderungen an Service-Organisationen. Wer bislang stark auf den Verkauf von Neuprodukten ausgerichtet war, wird sich intensiver mit dem Lebenszyklusmanagement seiner Produkte beschäftigen müssen.
Gleichzeitig eröffnet das Regelwerk erhebliche Chancen. Die verpflichtende Reparatur und die steigende Nachfrage nach entsprechenden Leistungen schaffen ein wachsendes Marktvolumen für Serviceanbieter. Neue Geschäftsmodelle werden möglich – von standardisierten Reparaturservices über abonnementbasierte Wartungsmodelle bis hin zu datengetriebenen Lifecycle-Services. Insbesondere für Unternehmen, die bereits über eine ausgeprägte Servicekompetenz verfügen, entsteht die Möglichkeit, sich strategisch neu zu positionieren.
Ein weiterer Aspekt ist die Professionalisierung des Serviceangebots. Transparente Preise, klare Leistungsversprechen und effiziente Prozesse werden zum Wettbewerbsfaktor. Wer Reparatur wirtschaftlich skalieren kann, verschafft sich einen entscheidenden Vorteil. Gleichzeitig steigt die Bedeutung von Partnerschaften – etwa mit unabhängigen Reparaturbetrieben oder Plattformanbietern. Das Ökosystem rund um Service wird vielfältiger und dynamischer.
Carsten Neugrodda, KVD Geschäftsführer