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Noch vor wenigen Jahren galten Lieferketten vor allem als Aufgabe des Einkaufs und der Logistik. Ziel war es, Materialien möglichst kostengünstig zu beschaffen, Lagerbestände zu minimieren und Prozesse maximal effizient zu gestalten. Doch spätestens die vergangenen Jahre haben gezeigt: Diese Sichtweise greift zu kurz. Pandemie, geopolitische Konflikte, Energiekrise, Fachkräftemangel und zunehmende Handelskonflikte haben deutlich gemacht, wie verwundbar global optimierte Lieferketten sein können. Zu einem wichtigen Faktor wird hier der Service.

Denn was wir beobachten: Die Diskussion über Supply Chains ist längst keine reine Logistikdebatte mehr. Sie entwickelt sich zunehmend zu einer strategischen Frage für den technischen Service. Ob eine Maschine schnell wieder läuft, ob Wartungsverträge eingehalten werden oder ob Kunden den Service als zuverlässig erleben, entscheidet sich oft lange bevor ein Servicetechniker beim Kunden eintrifft.

Aktuelle Veröffentlichungen von Roland Berger, dem Fraunhofer IML und der Bundesvereinigung Logistik (BVL) betrachten dieses Thema aus unterschiedlichen Perspektiven – kommen aber bemerkenswert geschlossen zu einer gemeinsamen Schlussfolgerung: Die Supply Chain wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor, und das auch für den technischen Service.

Die Zeit der „perfekten“ Lieferkette ist vorbei

Über Jahrzehnte dominierte in vielen Unternehmen ein klares Leitbild: Supply Chains sollten möglichst schlank, effizient und kostengünstig organisiert werden. Just-in-Time-Produktion, globale Beschaffungsmärkte, zentrale Lagerhaltung und minimale Bestände galten als Erfolgsrezept.

Roland Berger zeigt in seinem Whitepaper „Supply Chains in Polycrisis“ jedoch, dass dieses Modell heute an seine Grenzen stößt. Unternehmen bewegen sich nicht mehr durch einzelne Krisen, sondern in einer sogenannten Polykrise. Mehrere Unsicherheiten wirken gleichzeitig auf Lieferketten ein: geopolitische Spannungen, Handelsbarrieren, steigende Energiekosten, Klimarisiken, Fachkräftemangel und eine immer volatilere Nachfrage. In einer solchen Situation reicht es nicht mehr aus, Prozesse ausschließlich auf maximale Effizienz auszurichten. Unternehmen benötigen Lieferketten, die gleichzeitig wirtschaftlich, flexibel und widerstandsfähig sind.

Bemerkenswert ist dabei vor allem ein Perspektivwechsel. Roland Berger beschreibt, dass Unternehmen in der Vergangenheit häufig zwischen zwei Extremen pendelten: In stabilen Zeiten wurden Lieferketten konsequent auf Kosten optimiert, in Krisenzeiten versuchte man kurzfristig, sie robuster zu machen – etwa durch höhere Lagerbestände oder zusätzliche Lieferanten. Dieser ständige Wechsel verursacht jedoch hohe Kosten und benötigt Zeit. Stattdessen empfehlen die Autoren, Supply Chains von Beginn an modular, flexibel und skalierbar aufzubauen. Ziel ist eine Lieferkette, die sich an veränderte Rahmenbedingungen anpassen kann, ohne jedes Mal grundlegend umgebaut werden zu müssen. Mehr dazu gibt’s übrigens auch in der gemeinsamen Studie von Roland Berger und KVD, die in Kürze veröffentlicht wird.

Zukunft lässt sich nicht vorhersagen – aber vorbereiten

Während Roland Berger vor allem die aktuellen Herausforderungen analysiert, richtet das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) den Blick konsequent nach vorne. Im Mittelpunkt der Forscher steht die Frage, wie Unternehmen mit einer Zukunft umgehen können, die sich immer weniger prognostizieren lässt. Die Antwort lautet nicht, möglichst präzise Vorhersagen zu treffen, sondern verschiedene mögliche Entwicklungen systematisch vorzudenken – wir haben das auf der KVD Roadshow beim Fraunhofer IML mit den Experten und KVD-Mitgliedern ausführlich diskutiert.

Das Fraunhofer IML setzt dafür auf eine strukturierte Szenarioplanung. Ausgangspunkt ist eine umfassende Analyse politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, technologischer, rechtlicher und ökologischer Einflussfaktoren (PESTLE). Daraus entstehen verschiedene Zukunftsszenarien, deren Auswirkungen auf die Supply Chain bewertet werden. Ziel ist es, Unternehmen nicht auf eine einzige Zukunft vorzubereiten, sondern auf mehrere plausible Entwicklungen gleichzeitig.

Infokasten: Die skizzierten Szenarien des Fraunhofer IML

Unabhängig von den unterschiedlichen Ausprägungen zeichnen sich mehrere gemeinsame Entwicklungen ab:

/ stärkere Regionalisierung von Lieferketten,

/ zunehmender Protektionismus,

/ durchgängige Digitalisierung der Supply Chain,

/ End-to-End-Transparenz,

/ stärkere Automatisierung,

/ Kreislaufwirtschaft und Circular Economy,

/ engere regionale Partnerschaften.

Gerade dieser Ansatz liefert einen wichtigen Impuls für Serviceorganisationen. Wer heute Service langfristig plant, sollte nicht nur auf aktuelle Anforderungen reagieren, sondern verschiedene Zukunftsbilder in seine strategischen Entscheidungen einbeziehen.

Daten werden zum eigentlichen Rohstoff moderner Logistik

Einen dritten Blickwinkel liefert die Bundesvereinigung Logistik (BVL). Dort steht weniger die strategische Organisationsentwicklung im Mittelpunkt als vielmehr die praktische Umsetzung digitaler Supply Chains.

Die BVL zeigt, dass Resilienz nicht allein durch zusätzliche Lagerbestände oder neue Lieferanten entsteht. Entscheidend wird vielmehr die Fähigkeit, Informationen entlang der gesamten Lieferkette transparent verfügbar zu machen. Vernetzung, gemeinsame Datenräume und Echtzeitinformationen entwickeln sich zu den eigentlichen Grundlagen moderner Logistik.

Warum das den technischen Service unmittelbar betrifft

Die wohl wichtigste Erkenntnis aus allen drei Veröffentlichungen lautet: Servicequalität entsteht längst nicht erst beim Kunden.

Sie beginnt deutlich früher.

Ob Servicetechniker ihre Einsätze erfolgreich durchführen können, hängt zunehmend davon ab,

/ ob Ersatzteile verfügbar sind,

/ ob Liefertermine zuverlässig eingehalten werden,

/ ob Materialbewegungen transparent nachvollziehbar sind,

/ ob Risiken frühzeitig erkannt werden,

/ und ob Service und Supply Chain eng miteinander verzahnt arbeiten.

Damit verändert sich aus meiner Sicht auch die Rolle des technischen Service innerhalb vieler Unternehmen – wir sehen das in immer mehr KVD-Mitgliedsunternehmen. Serviceorganisationen werden künftig stärker in strategische Entscheidungen zur Lieferkette eingebunden sein müssen. Ersatzteilmanagement, Bedarfsprognosen, regionale Lagerstrategien oder digitale Transparenz werden zu Themen, die unmittelbar über Kundenzufriedenheit und Anlagenverfügbarkeit entscheiden.

Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an die Zusammenarbeit. Einkauf, Logistik, Produktion und Service dürfen nicht länger nebeneinander agieren, sondern müssen ihre Prozesse gemeinsam gestalten. Denn für den Kunden spielt es keine Rolle, welche Unternehmensabteilung für eine Verzögerung verantwortlich ist. Er bewertet ausschließlich das Gesamterlebnis.

Der neue Blick auf die Ausgestaltung von Lieferketten eröffnet für den technischen Service eine große Chance: Wer seine Service-Logistik strategisch weiterentwickelt, Ersatzteilversorgung intelligent organisiert und digitale Transparenz schafft, verbessert nicht nur interne Prozesse. Er stärkt die Zuverlässigkeit seiner Serviceleistungen und damit einen entscheidenden Wettbewerbsfaktor.

Carsten Neugrodda, KVD Geschäftsführer

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