Künstliche Intelligenz übernimmt zunehmend Aufgaben, die lange zum klassischen Einstieg ins Berufsleben gehörten. Präsentationen vorbereiten, Informationen zusammentragen, Inhalte strukturieren oder erste Auswertungen erstellen: Vieles davon erledigen Copilot und andere KI-Systeme heute schneller. Beim Ladies Lunch der PowerWomen@KVD im August entstand daraus eine grundsätzliche Frage: Was passiert mit dem Erfahrungswissen von morgen, wenn junge Menschen genau diese Aufgaben nicht mehr selbst übernehmen?
Den Impuls für die Diskussion gab ein Magazinbeitrag von Janina Kugel über die Folgen, wenn Unternehmen Einstiegsjobs und Junior-Aufgaben zunehmend durch KI ersetzen. Die These traf in der Runde einen Nerv. Denn gerade vermeintlich einfache Tätigkeiten erfüllen eine wichtige Funktion: Sie vermitteln Grundlagen, schaffen Kontext und ermöglichen es jungen Menschen, ein Gefühl für Aufgaben, Abläufe und Berufsbilder zu entwickeln.
Erfahrungswissen lässt sich nicht einfach automatisieren
In der Diskussion wurde zwischen verfügbarem, dokumentierbarem Wissen und dem Wissen unterschieden, das erst durch die eigene Erfahrung entsteht. Wer häufig mit bestimmten Situationen konfrontiert wird, erkennt Muster, entwickelt Intuition und kann Zusammenhänge besser bewerten.
Genau diese Fähigkeit wird auch im Umgang mit KI wichtiger. Denn wer ein Fachgebiet selbst kaum kennt, kann schwer einschätzen, ob eine KI-genierte Antwort plausibel ist. Ein sprachlich überzeugendes Ergebnis ist noch lange kein fachlich richtiges Ergebnis.
Damit verändert sich auch die Aufgabe von Unternehmen: Nachwuchskräfte brauchen weiterhin Möglichkeiten, selbst zu analysieren, auszuprobieren und Entscheidungen vorzubereiten. KI kann dabei selbstverständlich zum Werkzeug werden. Sie sollte den Lernprozess jedoch nicht vollständig ersetzen.
Praktikum als echte Nachwuchsarbeit
Mehrere Teilnehmerinnen berichteten von konkreten Erfahrungen mit dualen Studierenden, Werkstudierenden und Praktikant:innen.
Ein Unternehmen hat beispielsweise bewusst darauf verzichtet, duale Studierenden während ihrer kurzen Zeit im Service beliebige Restaufgaben zu geben. Stattdessen erhalten sie eine feste technische Aufgabe und eine konstante Betreuung. Das unmittelbare Ergebnis für das Unternehmen steht dabei nicht im Vordergrund. Entscheidend ist, dass die Studierenden den Service als Arbeitsfeld kennenlernen und tatsächlich etwas erarbeiten können.
Ein anderes Praxisbeispiel zeigte, wie direkt daraus Personalgewinnung entstehen kann: Ein dual Studierender mit Schwerpunkt Logistik schrieb seine Bachelorarbeit im Service, entdeckte dort die vielfältigen logistischen Aufgaben und wird anschließend im Bereich übernommen.
Auch ein sechsmonatiges Praktikum führte in einem weiteren Unternehmen zur Festanstellung. Interessanter Nebeneffekt: Der ehemalige Praktikant treibt inzwischen die Nutzung von KI im Team aktiv voran und entwickelt Anwendungen für die Kolleg:innen weiter.
Die Diskussion zeigte damit auch, dass Nachwuchsförderung und KI keineswegs getrennt voneinander gedacht werden müssen. Gerade Transformationsprojekte können jungen Mitarbeitenden Aufgaben bieten, bei denen sie Verantwortung übernehmen und gleichzeitig neue Kompetenzen aufbauen.
Service muss sichtbar werden
Praktika und Studienphasen erfüllen noch eine weitere Funktion: Sie machen Berufsbilder sichtbar.
Gerade der technische Service wird von Studierenden und Berufseinsteiger:innen häufig nicht automatisch als potenzielles Arbeitsfeld wahrgenommen. Dabei vereint Service sehr unterschiedliche Aufgaben aus Technik, Logistik, Kommunikation, Datenanalyse, Vertrieb und Organisation.
Wer jungen Menschen echte Einblicke ermöglicht, schafft deshalb nicht nur Lerngelegenheiten. Unternehmen erschließen sich damit auch neue Wege für die Nachwuchsgewinnung.
Und dann ging es plötzlich um Flip-Flops
Der zweite Teil des Ladies Lunch zeigte, wie breit der offene Austausch innerhalb der PowerWomen@KVD inzwischen geworden ist. Ausgangspunkt war eine vermeintlich einfache Sommerfrage: Wie viel Dresscode braucht Professionalität eigentlich noch?
Die Erfahrungen reichten von sehr lockeren Bürokulturen bis zu Unternehmen und Branchen mit weiterhin deutlich konservativeren Erwartungen. Dabei kristallisierte sich vor allem der Kontext als entscheidender Faktor heraus. Für einen Kundentermin gelten häufig andere Maßstäbe als für einen internen Arbeitstag oder das Homeoffice.
Gleichzeitig ging die Diskussion über Kleidung hinaus. Denn aus der Bewertung eines Outfits kann schnell die Bewertung eines Körpers werden. Kommentare zu Figuren oder Aussehen wurden entsprechend kritisch eingeordnet. Professionalität sollte sich nicht daran entscheiden, ob jemand den Erwartungen anderer an einen Körper entspricht.
Damit hatte auch dieses Thema mehr mit Unternehmenskultur zu tun, als die Frage nach offenen Schuhen zunächst vermuten lässt.
Was aus dem August-Lunch bleibt:
- Unternehmen sollten Einstiegsaufgaben nicht nur danach bewerten, ob KI sie effizienter kann, sondern auch danach, welche Lernfunktion sie erfüllen.
- Nachwuchskräfte brauchen echte Aufgaben, Verantwortung und die Möglichkeit, Fehler zu machen.
- Fachwissen und Erfahrung bleiben notwendig, um KI-Ergebnisse qualifiziert beurteilen zu können.
- Praktika, Werkstudierendentätigkeiten und duale Studienphasen können gezielt genutzt werden, um den technischen Service als attraktives Berufsfeld sichtbar zu machen.
- Regeln rund um Professionalität funktionieren besser, wenn sie zur jeweiligen Situation passen und nicht zur Bewertung von Menschen werden.
Der Ladies Lunch der PowerWomen@KVD findet monatlich digital statt und lebt vom offenen Erfahrungsaustausch der Teilnehmerinnen. Themen können direkt aus der Runde eingebracht werden und genau das mache auch die August-Ausgabe wieder aus.
Mitmachen bei den PowerWomen@KVD
Die PowerWomen@KVD richten sich an Frauen im technischen Service, die sich vernetzen, austauschen und gegenseitig stärken möchten. Die Initiative lebt von unterschiedlichen Perspektiven, Erfahrungen und Rollenbildern. Interessierte KVD-Mitglieder sind eingeladen, Teil der Community zu werden und sich in Formaten wie dem Ladies Lunch einzubringen.