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Künstliche Intelligenz ist dabei, die Arbeitswelt grundlegend zu verändern – davon ist Katrin Dubberke überzeugt. Doch die Diskussion über KI dürfe nicht auf neue Tools oder Effizienzgewinne reduziert werden. Für die HR- und Führungsexpertin geht es um weit mehr: um Unternehmenskultur, Führung, Lernbereitschaft und die Frage, wer die Entwicklung neuer Technologien eigentlich mitprägt. Im Interview mit ServiceToday-Redakteur Michael Braun spricht sie über den Female AI Gap, die Verantwortung von Unternehmen, die Bedeutung von Role Models und darüber, warum Führungskräfte lernen müssen, mit Unsicherheit umzugehen. Ihre zentrale Botschaft: Wer KI lediglich beobachtet, wird von der Entwicklung überholt. Wer sie versteht, kann die Zukunft aktiv mitgestalten.

/ Michael Braun

Was hat Sie dazu bewogen, sich intensiv mit KI auseinanderzusetzen?

/ Katrin Dubberke

Zum einen bringe ich grundsätzlich eine große Neugier für neue Technologien mit. Wenn etwas Neues entsteht, möchte ich verstehen, wie es funktioniert und welche Möglichkeiten sich daraus ergeben. Zum anderen wurde mir immer klarer, dass KI die Arbeitswelt grundlegend verändern wird. Das ist keine neue Softwarefunktion oder ein weiteres digitales Werkzeug. Für mich ist KI eher vergleichbar mit einer neuen Sprache, die künftig jeder sprechen wird. Deshalb wollte ich nicht nur beobachten, was passiert, sondern die Entwicklung aktiv mitgestalten. Aus meiner Perspektive als Führungskraft und HR-Verantwortliche kommt hinzu, dass KI auch die Art und Weise verändern wird, wie wir führen. Wir werden künftig nicht nur Menschen führen, sondern auch KI-Systeme steuern und verantworten müssen. Das macht das Thema für mich besonders spannend.

/ Michael Braun

Sie sprechen davon, dass Menschen KI verstehen müssen. Was meinen Sie damit konkret?

/ Katrin Dubberke

Für mich geht das weit über die reine Anwendung hinaus. Natürlich beginnt alles damit, die Technologie selbst auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln. Aber irgendwann stellt sich die Frage, wie diese Systeme geprägt werden und welchen Einfluss wir darauf haben. Als Einzelperson werde ich kein großes Sprachmodell verändern. Aber Unternehmen können sehr wohl beeinflussen, wie sie eigene GPTs, Agenten oder KI-Anwendungen aufsetzen, welche Daten sie nutzen und welche Werte sie in diese Systeme einbringen. Dafür muss man verstehen, wie KI funktioniert, welche Chancen sie bietet und wo ihre Grenzen liegen. Dazu gehört auch, die rechtlichen und ethischen Fragen zu kennen. Wer KI einsetzt, muss wissen, welche Risiken existieren und welche Verantwortung damit verbunden ist.

/ Michael Braun

Viele Unternehmen tun sich beim Thema KI noch schwer. Warum ist das aus Ihrer Sicht problematisch?

/ Katrin Dubberke

Weil die Nutzung längst stattfindet – unabhängig davon, ob Unternehmen dies offiziell erlauben oder nicht. Viele Mitarbeitende probieren KI privat aus und erkennen sehr schnell die Vorteile. Wenn Unternehmen den Einsatz pauschal verbieten, verlieren sie letztlich die Kontrolle darüber, wie und wofür die Technologie genutzt wird. Ich halte das für deutlich riskanter, als einen bewussten und transparenten Umgang mit KI zu ermöglichen. Unternehmen sollten Rahmenbedingungen schaffen, Orientierung geben und Mitarbeitende befähigen, die Technologie verantwortungsvoll einzusetzen.

/ Michael Braun

Diskutiert wird auch die Frage, wie KI trainiert und geprägt wird. Auffällig ist der Female AI Gap. Warum ist der Blick darauf aus Ihrer Sicht so relevant?

/ Katrin Dubberke

Weil wir gerade am Anfang einer technologischen Entwicklung stehen, die unsere Arbeitswelt langfristig prägen wird. Wenn Frauen KI deutlich seltener nutzen als Männer, dann besteht die Gefahr, dass auch die Perspektiven, Erfahrungen und Fragestellungen von Frauen in der Entwicklung und Anwendung von KI weniger sichtbar werden. Mich beschäftigt deshalb die Frage: Wer prägt eigentlich die Systeme, mit denen wir künftig arbeiten? Unternehmen gestalten eigene Anwendungen, entwickeln GPTs, definieren Regeln und Trainingsdaten. Dort werden Entscheidungen getroffen, die die Modelle prägen. Wenn Frauen sich aus diesem Prozess heraushalten, besteht die Gefahr, dass bestehende Muster einfach in neue Technologien übertragen werden. Deshalb halte ich es für wichtig, dass Frauen nicht nur Anwenderinnen werden, sondern aktiv mitgestalten. Gleichzeitig zeigt sich, dass viele Frauen zunächst zurückhaltender an neue Technologien herangehen. Themen wie Selbstzweifel oder das Gefühl, zunächst alles perfekt verstehen zu müssen, spielen dabei durchaus eine Rolle. Genau deshalb können geschützte Lernräume hilfreich sein. Sie schaffen die Möglichkeit, Fragen zu stellen, Unsicherheiten anzusprechen und gemeinsam zu lernen.

/ Michael Braun

Sie sind Teil des Programms „Female Leaders of AI“; welche Erfahrungen machen Sie in einer rein weiblichen Lern-Community?

/ Katrin Dubberke

Der größte Unterschied ist für mich die Offenheit. In unserer Kohorte kann man sehr unkompliziert sagen: „Das habe ich nicht verstanden“ oder „Ich weiß gerade nicht weiter.“ Das erleichtert Lernen enorm. Gleichzeitig sprechen wir nicht nur über Technologie. Wir diskutieren auch darüber, welche Stärken Frauen möglicherweise in die KI-Transformation einbringen können. Themen wie Zusammenarbeit, Beteiligung, Kommunikation oder der Umgang mit Veränderung spielen dabei eine wichtige Rolle. Besonders spannend finde ich den Austausch mit Frauen aus ganz unterschiedlichen Branchen und Funktionen. Obwohl die beruflichen Hintergründe sehr verschieden sind, beschäftigen uns oft dieselben Fragen: Wie nehme ich Menschen mit? Wie gestalte ich Veränderung? Und wie positioniere ich mich selbst in einer Arbeitswelt, die sich gerade massiv verändert?

/ Michael Braun

Sprechen Sie auch hier darüber, welche Rolle Unternehmen dabei spielen?

/ Katrin Dubberke

Ja, denn diese Rolle ist wie gesagt eine sehr große. Unternehmen müssen diese Lernmöglichkeiten schaffen; es reicht nicht aus, Mitarbeitenden zu sagen: „Beschäftigt euch mal mit KI.“ Es braucht Schulungen, Austauschformate und vor allem Zeit zum Ausprobieren. Genauso wichtig ist jedoch die Kultur; Menschen müssen die Möglichkeit haben, Erfahrungen zu sammeln und Fehler machen zu dürfen. Wer Innovation fordert, muss auch den entsprechenden Freiraum schaffen.

/ Michael Braun

KI wird damit auch zum Kulturthema?

/ Katrin Dubberke

Ja, weil KI nicht isoliert betrachtet werden kann. Natürlich ist sie ein Technologiethema; gleichzeitig betrifft sie Prozesse, Zusammenarbeit, Führung, Qualifizierung und Unternehmenskultur. Viele Unternehmen konzentrieren sich zunächst auf die technische Seite. Die eigentliche Herausforderung liegt aber häufig in den Menschen und Organisationen: Wenn Prozesse unklar sind oder Daten nicht sauber gepflegt werden, kann KI ihre Stärken gar nicht ausspielen. Deshalb braucht es eine enge Zusammenarbeit zwischen Fachbereichen, IT und Führungskräften. KI darf nicht ausschließlich als Aufgabe der IT verstanden werden.

/ Michael Braun

Welche Bedeutung hat dabei das Top-Management?

/ Katrin Dubberke

Eine entscheidende. Digitale Transformation braucht ein klares Sponsorship von ganz oben. Mitarbeitende müssen erkennen, dass es sich um ein strategisches Zukunftsthema handelt und nicht um ein kurzfristiges Projekt mit einem Zieltermin. Wenn diese Unterstützung fehlt, entsteht schnell die Haltung: „Das betrifft vielleicht andere Bereiche, aber nicht uns.“ Diese Einstellung lässt sich nur schwer durch Schulungen oder Kommunikation allein verändern. Deshalb muss die Unternehmensleitung deutlich machen, dass KI für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens relevant ist.

/ Michael Braun

Sie sagen, dass KI Führung verändern wird. Was bedeutet das konkret?

/ Katrin Dubberke

Führungskräfte werden künftig nicht nur Menschen führen, sondern auch KI-Systeme verantworten und steuern müssen. Das verändert die Anforderungen an Führung grundlegend. Dazu kommt, dass KI eine hohe Dynamik mit sich bringt. Niemand kann heute verlässlich beschreiben, wie bestimmte Rollen oder Prozesse in fünf Jahren aussehen werden. Deshalb wird Ambiguitätstoleranz zu einer Schlüsselkompetenz moderner Führung. Mitarbeitende erwarten Orientierung. Gleichzeitig gibt es viele Fragen, auf die heute noch niemand eine abschließende Antwort hat. Führung bedeutet deshalb zunehmend, auch mit Unsicherheit umgehen zu können und trotzdem handlungsfähig zu bleiben. Hinzu kommt die Vorbildfunktion. Wer von Mitarbeitenden erwartet, neue Technologien zu nutzen, sollte selbst bereit sein, sich damit auseinanderzusetzen. Führungskräfte müssen nicht die größten Experten werden. Aber sie sollten Interesse zeigen, Erfahrungen sammeln und sichtbar machen, dass Lernen ausdrücklich erwünscht ist. Deshalb halte ich KI auch nicht für ein reines IT-Thema. Die eigentliche Herausforderung liegt in der Veränderung von Zusammenarbeit, Prozessen und Unternehmenskultur. Genau deshalb braucht digitale Transformation ein klares Sponsorship aus dem Top-Management. Nur dann entsteht die notwendige Verbindlichkeit und Klarheit, um Menschen wirklich mitzunehmen.

/ Michael Braun

Wenn Sie Unternehmen und Einzelpersonen jeweils einen Rat geben müssten – welcher wäre das?

/ Katrin Dubberke

Für Einzelpersonen würde ich sagen: Fangen Sie an. Warten Sie nicht auf den perfekten Zeitpunkt oder den perfekten Plan. Sammeln Sie Erfahrungen und lernen Sie Schritt für Schritt. Für Unternehmen gilt etwas Ähnliches. Entwickeln Sie eine klare Richtung und eine Strategie, aber warten Sie nicht auf Perfektion. KI entwickelt sich so schnell, dass Lernen und Handeln parallel stattfinden müssen. Wer heute beginnt, Erfahrungen zu sammeln, wird morgen bessere Entscheidungen treffen können. Genau darum geht es aus meiner Sicht.

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Katrin Dubberke ist HR- und Transformation-Leaderin an der Schnittstelle von KI, Führung und Talent Strategie. Zuletzt verantwortete sie als Vice President globale Talent-Themen von Recruiting bis Succession und Leadership Development. Sie verbindet Umsetzungsstärke mit Lernhaltung – getrieben von der Frage, wie Führung und Organisationen durch KI besser werden.

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